Weber Stadt: Grußwort

1. Vorzeit

1.1 Die Entstehung der Landschaft unserer Gegend

Im Süden der trichterförmigen Bucht, die die Schlichem bei ihrem Austritt aus dem Gebirge geschaffen hat, liegt eingerahmt von bewaldeten Höhen das Dörfchen Weilen unter den Rinnen (707 m). Die umrahmenden Gestalten von Plettenberg und Ortenberg, von Wochenberg und Oberhohenberg machen dieses Fleckchen Erde zu einem landschaftlichen Glanzpunkt. Der Plettenberg bietet einen reizenden Blick auf das amphitheatralisch gelegene Dörflein, in mitten dem frischen Grün der Wiesen und den heimelig zwischen Obstwäldern versteckten Häusern. Am herrlichsten ist der Blick in das lachende, reich bewässerte Tal, wenn im Mai die Kernobstgewächse im Blütenschnee prangen.

Wie ist nun dieser eigenartige Sufenrandtrichter, die weitgeöffnete Pforte der Schlichem entstanden? Die malerische Bucht von Weilen gehört dem unteren und mittleren Braunjura an, den Mittelbach, Weilenbach, Brandbächle und ihre Verästelungen stark zerfurcht und zerlappt haben. In den schweren schiefrigen Tonen zeugen Wundstellen der Pflanzendecke und Rutschungen (Gansloch usw.) von frischer Arbeit des rinnenden Wassers.

 

Weilen steht trotz seiner Kleinheit auf der Landkarte (1:900 000) verzeichnet

Die Quellen des Mittelbachs treten unter den harten Kalken (Blaukalk) über den undurchlässigen Tonen aus. Die Blaukalke schützen zwar die weichen Tone vor rascher Zerstörung; doch der Unterwühlung durch austretende Quellen und durch Verwitterung fallen sie selbst zum Opfer. Hier sind daher tiefe Kerben unterhalb Deilingen in die Kalksteintafel eingeschnitten, die dazwischen in mehreren Spornen vorspringt (Eck, Burgstall Heidenschlößle und Rennen). 100 m Gefälle auf 1 km im Oberlauf verursachen die Zerstörung. Steigen wir aber durch das unübersichtliche Waldgebiet nach Deilingen (826 m) empor, so sind wir in einem ganz anderen Reich: Ein über 1 km breites Hochtal mit flacher Sohle senkt sich fast unmerklich nach Süden gegen Wehingen (717 m). Von junger Zerstörungsarbeit keine Spur mehr! Ein winziges Bächlein mit geringem Gefälle (18 m auf 1 km) schleicht müde zur unteren Bära. Annähernd 3 km sind Oberhohenberg und Deilinger Berg voneinander entfernt, und rund 200 m tief ist die breite, teils versumpfte Talsohle eingesenkt. Wie kann ein so kümmerliches Rinnsal diese große Lücke geschaffen haben? Dazu gehört eigentlich ein großer Bach von mehreren Stunden Länge. Wo aber sein Oberlauf zu suchen wäre guckt der blaue Himmel herein. Von Deilingen, von dessen Rathaus die eine Dachtrauf zur Bära (Donau) und die andere zur Schlichem (Rhein) entwässert, hat man einen prächtigen Blick hinaus in das fruchtbare Albvorland.

Kehren wir wieder zurück in das tief eingeschnittene Schlichemtal. Bei jedem Hochwasser (1895 besonders gefährlich) wälzen die Schlichem und ihre Nebenbäche mit ihren trüben Fluten beträchtliche Erdmassen zu Tal. Von Plettenberg und Ortenberg ziehen mächtige Schuttströme in die Talpforte bis in das Tal hinunter. Hier sind, bedingt durch die jugendliche Unterschneidung der Hänge in jüngererZeit größere Bergrutsche erfolgt, so am Ortenberg zwei kleinere 1744 und 1787; ein sehr starker Erdmassenrutsch staute 1789 das Flüßchen oberhalb von Ratshausen zu einem gefährlichen See, und 1851 übertraf ein Rutsch an der Südkante des Plettenbergs alle vorausgegangenen an Ausdehnung und Schaden so weit, “dass man in Ratshausen an den Untergang der Welt dachte“; beinahe 300 Morgen Wald und Feld wurden dabei gänzlich zerstört. Heute noch sind an den Bergen die Stellen offen, an denen einst die Kalkfelsen an- und nachbrachen, als unter ihrem Druck die durchfeuchteten Mergel und Tone nachgaben. Alle diese Bergrutsche sind an-schauliche Beispiele für das Rückschreiten des Albtraufs, das auch in der Gegenwart unentwegt weiter geht. Als Weilen vor der Jahrtausendwende besiedelt wurde, reichte die Sohle der Deilinger Pforte, von Plettenberg und Ortenberg etwas weiter gegen die Schlichem. Gehen wir noch weiter zurück in die graue Vorzeit, müssen wir jeweils vorn weitere Stücke anfügen, am meisten dort, wo heute die Zerstörung am stärksten ist: an den Endender Schluchten. Diese füllen sich, die Sporne verbreitern sich und wachsen zusammen zu einer einheitlichen Platte. Die breite, flache Talsohle des Deilinger Mühlbachs schiebt sich 130-140 m über dem heutigen Weilen vor. Sie rückt langsam dorthin wo der blaue Himmel hereinschaut.

 

Panorama vom Fuß des Wochenberges aus

Auch Plettenberg und Ortenberg nähern sich, und der Albrand liegt weiter im Westen. Je länger das Tal wird, desto größer wird auch der Bach in seinem Grund. Und schließlich ist das Missverhältnis zwischen Bach und Tal ausgeglichen; denn wir haben den Bach über dem heutigen Grund vor uns, der das Mühlbachtal erzeugte. Was heute noch erhalten ist, sind nur die letzten Kilometer eines Tals, nur ein Talstumpf, ein „geköpftes Tal“.

Vor rund 140 Millionen Jahren, als sich das Jurameer nach Südosten zurückzog, weil sich sein Meeresboden langsam von Norden immer mehr aufwölbte, setzte die Arbeit der Donau ein. Unsere Flüsse flossen, wie heute noch die Bära, zunächst mit geringem Gefälle nach Südosten. Als aber im Tertiär, vor rund 40 Millionen Jahren, erneut das Meer infolge Senkung der Landschaft ins Voralpenland vorstieß, und bis auf die Alb bei Stetten am kalten Markt, Winterlingen usw. reichte (Meeresküste 0 m), verstärkte sich das Gefälle dieser Flüsse, und sie konnten daher stark abtragen. Doch am Ende des Tertiärs und in der folgenden Zeit wurden das Alpenvorland und unsere Alb wieder gehoben (zum Beispiel bei Winterlingen bis auf 800 m). Das Alpenvorlandmeer zog sich langsam nach Osten zurück. Die Donau bekam dadurch einen weiten Weg zum Meer. Das Gefälle ihrer Albzuflüsse, wie Bära, verringerte sich. Sie konnten die anfallenden Schuttmassen nicht mehr verfrachten und mussten sie liegenlassen (Weißjuraschuttdecke bei Deilingen bis in das Tal und Versumpfung des Tales). Dazu kam aber noch etwas anderes.

Der Neckar und seine Nebenflüsse konnten nach den Einbrüchen des Rheintalgrabens infolge ihres starken Gefälles Stück um Stück erobern. Auf der Wende vom warmen Tertiär zum Diluvium (Eiszeit) war der Neckar schon bis Rottweil vorgedrungen. Die Schlichem nagte sich nun von Westen her rückwärts ein und griff unser „Urtal“ über Weilen, das Deilinger Mühlbachtal, das sich schon bis in den mittleren Braunjura eingetieft hatte, in der Flanke an und „köpfte“ es. In den darunter liegenden weicheren Schichten konnte die Schlichem jetzt gewaltig ausräumen und die tiefe trichterförmige Bucht bei Weilen formen, indem sie und ihre Nebenbäche (Mittel- und Weilenbach) im Verlauf von Jahrmillionen die über 100 m mächtigen, schiefrigen Tone talab verfrachteten. Nur der schön geformte Wochenberg, der aus dem etwa 30 m starken Schichtenstoß der harten „Wasserfallschichten“ mit überlagernden Kalksteinen besteht, konnte sich etwas abseits als schmaler, steilabfallender, vorspringender Bergrücken im unteren Braunjura erhalten.

So haben wir heute zwei ganz verschiedene Landschaften einander gegenüber: die alte (danubische) Donau-Landschaft bei Deilingen mit ihrem breiten, gefällschwachen Tal, mit geringem Relief und mächtigen Verwitterungsböden sowie die junge rheinische Ausräumungslandschaft bei Weilen mit ihren engen Tälern, ihren gefällstarken Wasserläufen und mit ihren steilen Hängen. Die Grenze lässt sich fast bis auf den Meter feststellen. Sie folgt dem Stirnrand von Lemberg, Hochberg, und Oberhohenberg, steigt herab in die Deilinger Pforte und zieht weiter über den Ortenberg zum Tanneck.

1.2 Mindestens sechs Grabhügel der Früheisenzeit

Schon vor mindestens 4000 Jahren gab es Menschen in unserer Gegend. Man fand auf dem Plettenberg Siedlungsreste und Feuersteinwerkzeuge aus den unruhigen Zeiten zu Ende der Jungsteinzeit (4000 bis 1800 vor Christus), bei Delkhofen ein Steinbeil und bei Schömberg 2 Pfeilspitzen aus Feuerstein, das Bruchstück eines stark verwitterten Steinbeils aus grauem Gneis und das Schneidenbruchstück eines feingeschliffenen Steinbeils. Diese Menschen stellten Geräte und Waffen aus Stein und Bein her, trieben Ackerbau züchteten Rind, Schaf, Ziege und Schwein. Die Gefäße formten sie von Hand, Schnüre und Gewebe stellten sie aus Pflanzenfasern her.

Nach einer kurzen Übergangszeit entdeckten die Menschen 1 800 vor Christus durch Mischung von Kupfer und Zinn in der goldglänzenden Bronze einen gebrauchsfähigen Werkstoff für Geräte, Waffen und Schmuck. Man nennt daher diesen Zeitabschnitt die Bronzezeit (1 800-800 vor Christus). Das Klima war trockenwarm mit einem Jahresmittel, das über dem heutigen lag. Anfänglich überwog der Weidebetrieb den Ackerbau. Aus der Bronzezeit, in der die Hochfläche der Alb schon stärker besiedelt war, finden sich auch in der Schömberger Gegend und auf dem Plettenberg zahlreiche Spuren. Die Toten wurden mit all dem, was sie im Leben getragen haben (Schmuck, Waffen usw.), bestattet.

Um 800 vor Christus trat neben die Bronze als weiterer Werkstoff das Eisen. Deshalb bezeichnet man den neu beginnenden Zeitabschnitt (800-500 vor Christus) als Früheisenzeit. Nach der Stadt Hallstadt im Salzkammergut, wo die ersten Funde gemacht wurden, ist auch die Bezeichnung Hallstattzeit gebräuchlich. Das Klima war kühler und regenreicher. In unserer Gegend wohnten damals die Kelten. Sie betrieben hauptsächlich Ackerbau, Viehzucht und Jagd. Aber allmählich bildete sich eine weitgehende handwerkliche und soziale Gliederung heraus. Mächtige und reiche Fürsten geboten im Land, und unter ihrem Machtgebot entstanden um 500 vor Christus die großen Wallanlagen auf dem Plettenberg und Schafberg sowie Fliehburgen (Gräbelesberg) für Zeiten der Bedrohung durch Feinde.

Aus der Eisenzeit wüssten wir nicht viel, hätten nicht die Kelten in ihren Grabstätten, den großen und kleinen Grabhügeln, Waffen, Geräte, Gefäße und Schmuck aus ihrem Alltag hinterlassen. In einer flachen Grube, die man mit Lehm ausstrich, legte man den Toten in die Erde, angetan mit all seinen Gewändern, bewehrt mit den Waffen und im Schmuck der Kostbarkeiten, die er im Leben besessen. An sein Haupt stellte man große, prächtig verzierte Urnen, Schalen und Teller mit Lebensmittel für die weite Reise ins Reich der Toten. Als letzten Liebesdienst trug dann jedes Mitglied der Sippe Erde herbei, die zum weithin sichtbaren Mal, oft unter Einbau einer Holzkammer über dem Toten, aufgeschichtet wurde.

 

Die zweieinhalbtausend Jahre alten
Grabhügel der Markung Weilen

Aus dem Ende der Früheisenzeit dürften die vielen Grabhügel im Schömberger Gebiet stammen. Im Withau, der der Sage nach einst zu Weilen gehörte, liegen 2 Hügel, und zwar im Winkel des ersten Waldweges, wenn man von der Einmündung der Straßen von Schörzingen und Weilen in Richtung Schömberg geht. Im Scheubühl liegen zwei weitere, wie auf der ganzen Markung Schömberg noch über 3 Dutzend zu finden sind. Auf Weilener Gebiet sind mindestens 6 Grabhügel vorhanden. Am interessantesten ist der Buckel, auf dem die Ottilienkapelle 1 km östlich des Ortes steht (siehe Seite 136). Er ist 19 m breit und etwa 1 m hoch. Als sanktgallische Mönche um 800 nach Christus hier die Kapelle für die später abgegangene Siedlung Lachen errichteten (siehe Seite 26), ahnten sie wohl nicht, dass unter dem Hügel ein adeliger Kelte in der Zeit um 600 vor Christus beigesetzt worden ist. Von der Ottilienkapelle kann man östlich am Waldrand 2 weiter Hügel im Rennenwasen erkennen. Sie haben einen Durchmesser von etwa 10 m. Auf der Topographischen Karte sind im an schließenden Lachenwald ebenfalls 2 Grabhügel eingezeichnet. Eine Grabung vor Jahrzehnten soll keine Funde geliefert haben. Nach Oscar Parets Werk über Württembergs vor- und frühgeschichtliche Zeit sollen sich insgesamt 7 Hügel einschließlich Ottilienkapelle in Feld und Wald Rennenwasen befinden. Ein Laie bemerkt sie nicht.

 

Auch im Wald Honau liegt ein einzelner eisenzeitlicher Grabhügel.

Den Forschern ist bisher der große Grabhügel im Wald Honau entgangen. Er liegt in der Schlinge des neuen Holzabfuhrweges. Sein Durchmesser beträgt rund 15 m und seine Höhe 1,5 m. Ursprünglich waren die Grabhügel wesentlich höher. Im Laufe der Jahrhunderte fielen die Grabkammern ein, und auch durch Witterungseinflüsse verflachten sie. Wissenschaftlich ausgegraben ist noch keiner der Weilener Hügel. Es ist anzunehmen, das sie wie tausend andere schon von Grabräubern geplündert sind. Die Wissenschaftler aber könnten anhand von unscheinbaren Resten Aufschluss über Alter der Gegenstände und die Kultur der Kelten geben. Von den Häusern dieses Volkes ist nichts erhalten geblieben, da sie aus Holz errichtet waren. Die Siedlungen müssen in der Nähe der Grabhügel gelegen haben. Der Ort Weilen bestand damals aber sicher noch nicht.

Die Zeit um 500 vor Christus brachte einen Wechsel der Verhältnisse. Man nennt die folgenden Jahrhunderte nach dem berühmten Fundort in der Schweiz, Latène am Neuenburger See, Latènezeit oder Späteisenzeit (etwa 500 vor Christus bis 1. Jahrhundert nach Christus). In der Hauptmulde des Plettenbergs konnten Siedlungsspuren aus dieser Zeit festgestellt werden. Die Grundrisse von 3 ovalen Hütten wurden 1923 auf der Nordterasse der Lochen, die seit der Jungsteinzeit immer wieder besiedelt war, nachgewiesen. Die Kelten lernten durch ihren regen Handel mit den südeuropäischen Völkern den Gebrauch der Töpferscheibe und des Geldes kennen und ahmten die Herstellung griechischer Münzen in primitiver Weise nach. Der Volksmund bezeichnet diese als Regenbogenschüsselchen; in unserer Nähe sind je eine keltische Münze bei Hossingen und Balingen und 2 Stück bei Schömberg gefunden worden. Die Befestigungsanlage auf dem Gräbelesberg, die mehrere Umbauten aufweist, dürfte wohl teilweise noch in der Späteisenzeit weiter aufgebaut worden sein. Nach dem Jahre 75 nach Christus eroberten die Römer unsere Heimat und unterwarfen sich die keltische Bevölkerung.

1.3 Von der Römerstraße kommt der Zusatz Rinnen

Die Römer errichteten Wachtürme und Gutshöfe in den eroberten Gebieten. Vielleicht lag auch auf der späteren Markung Weilen eine römische Villa. Dr. Albrecht Aich will am Fuß des Wochenbergs römische Scherben gefunden haben. In den Jahren 1880 bis fast 1900 stieß man beim Graben und Ausbessern der alten Wasserleitung, die unter dem Gewand Holz in forchenen Deicheln oder auch aus Eichenholz gefasst und ins Dorf in die Brunnen, besonders in den Blotzbrunnen, geleitet wurden, auf ganz alte Holzdeicheln, welche ihrem Zerfall nach schon viele hundert Jahre in der Erde lagen. Eigenartigerweise verlief diese alte Wasserleitung nicht gegen das jetzige Dorf hinab, sondern in Richtung Nonnenwiesen. Es könnte aber auch der Fall sein, dass sie zu einem ehemaligen Hof (Hochstetts und Hinterwiesen, siehe Seite 24) hingeführt haben. Nach dem Zeugnis alter Leute soll man beim Bearbeiten der Felder hie und da Ziegelreste gefunden haben.

Mit großer Wahrscheinlichkeit verlief über unsere Markung die große Römerstraße, die Straßburg und Rottweil (lateinisch Arae Flaviae) mit der römischen Provinz Rätien verband. Sie führte über Eppendorf an Irslingen vorbei zur Wegkreuzung bei Mariä Hochheim; ein Stück bildete die nachmalige Römerstraße nach Rottenburg. Östlich von Gößlingen führte unsere Straße durch das Schwarzenbachtal nach Zimmern und – wie der Forscher Friederich Hertlein schreibt – „irgendwie an Schömberg und Weilen vorbei zu Höhe bei Deilingen“.

In der Tat führt von der Ottilienkapelle ein uralter Weg auf die Höhe bei Deilingen. Beim Kartenpunkt 808,1 in der Flur Rennen hater eine kurze, alte Steige. Dieses Wegstück führt durch weiche Keuper- und Juraschichten, so dass begreiflich ist, warum der Weg verschwunden ist. Aber die Flurnamen Rennen und Rennenwiesen beweisen, dass bis ins Mittelalter hinein diese Renne benützt wurde. Der ganze Verkehr aus dem Schömberger Gebiet zum Oberhohenberg ging über diesen Weg. Er hieß immer Renne; erst in späterer Zeit machte man daraus inne (siehe Seite 36), und deshalb hat Weilen den Ortsnamenzusatz „unter den Rinnen“. Die römische Rennenstraße führte über Delkhofen bis Bäratal und mündete bei Tuttlingen in die römische Hauptstraße. Dr. Albert Aich hat sie bei Delkhofen, westlich der jetzigen Straße nach Wehingen, tief verschüttet angetroffen; sie hatte eine Breite von 3,2 m.

Als die Alemannen die Römer aus dem Land hinauswarfen, benützten sie den Rennenweg weiter. Sie gründeten die auf  –ingen endenden Orte wie Deilingen und Schörzingen.

1.4 Einstige Besitzungen des Klosters Sankt Gallen

Bei ihrem Ausdehnungsdrang stießen die Alemannen mit den Franken zusammen, von denen sie schließlich unterjocht wurden. Die Gaue verwalteten dann Gaugrafen, die der Frankenkönig einsetzte. Unsere Gegend gehörte zur Bertholdsbaar; noch heute heißt die Gegend um Trossingen und Donaueschingen Baar.

Unter der fränkischen Besetzung wurde hier das Christentum eingeführt. Irische Glaubensboten hatten die Klöster Sankt Gallen und Reichenau gegründet. Der letzte alemannische Herzog Lantfried, gestorben ums Jahr 730, erließ ein Gesetz, aus dem zu ersehen ist, dass ein Großteil des Volkes noch Heiden waren. Aber nachdem Karlmann Anno 746 den geladenen alemannischen Adel auf dem Cannstatter Wasen hinterlistig gefangen nehmen und hinrichten ließ, leistete das Alemannenvolk kaum noch politischen und religiösen Widerstand.

Kurze Zeit später finden wir das Kloster Sankt Gallen in der Schweiz als Grundstücksbesitzer in unserer Gegend und auf unserer Markung. Es war vom heiligen Gallus gegründet worden, der schon 646 gestorben ist. Durch Schenkungen erlangte das Kloster Sankt Gallen in den meisten Orten der näheren und weiteren Umgebung Besitzrechte. So schenkte ihm 785 ein Bürger namens Anshelm aus dem jetzt verschwundenen Ort Holzheim seine Güter in Lachen und Hermannshefte (beide auf Markung Weilen). Auf diese Schenkung komme ich im nächsten Kapitel noch zu sprechen. Ein Bürger aus Egesheim mit Namen Gundacher schenkte im Jahre 770 alles, was er in Egesheim besaß, an das Kloster Sankt Gallen, ausgenommen 2 Leibeigene. Im Jahre 785 vermachen Anshelm Richpert und seine Gemahlin Kabasinde aus Schörzingen ebenfalls Schenkungen an das Kloster in der Schweiz. Graf Gerold, der Schwager Karls des Großen, stiftete ihm 786 Güter in Deilingen. In Reichenbach erfolgte eine Schenkung im Jahr 793, ebenso in Wehingen. Der Grund für diese und viele andere Schenkungen dürfte darin zu suchen sein, dass die Pastorisierung und Christianisierung von diesem Kloster aus erfolgte. An dieser Stelle muss noch ausdrücklich vermerkt werden, dass sich eine Sankt-Galler Urkunde von 838 nicht auf Weilen – wie es bisher hieß -, sondern auf Weilheim unter der Lochen (heute Weilstetten) bezieht. Damals schenkte ein Herr namens Pabo seinen Besitz in Wilon an das Schweizer Kloster; da Weilheim noch 1318 Wilon genannt wird, kommt Weilen für die Nennung von 838 nicht in Frage. Unsere urkundliche Ersterwähnung, ja auch die Gründung unseres Dorfes, ist wesentlich jünger.

1.5 Die Wüstungen Hofstett, Holzheim und Lachen

Infolge der geschützten Lage, von Bergen ringsumgeben, welche die Stürme und rauen Winde abhalten, ist anzunehmen, dass unser Heimattal schon früh besiedelt wurde. Wenn auch vor dem Jahre 1275 Weilen nicht urkundlich nachgewiesen werden kann, so darf mit Sicherheit angenommen werden, dass schon vor dem Jahre 900 eine kleinere Siedlung von einigen Häusern auf der hinteren Wiese und der angrenzenden Flur Hofstett bestanden hat. Der Flurname Hofstett oder Hochstetts beweist, dass dort früher einmal Häuser standen. Außerdem wurden auf der Hinteren Wiese, besonders hinter dem Gebäude Nr. 73 (Alfred Seifriz), bei Drainagearbeiten nach dem Ersten Weltkrieg beim Graben Brandschutt, Ziegelreste und Steine zutage gefördert, weshalb angenommen werden kann, dass dort früher einige Gebäude standen, die durch Brand vernichtet wurden. Wann, wie und durch wen diese Siedlung zerstört wurde, konnte noch nicht festgestellt werden.
Im Jahre 785 hat ein Bürger Anshelm aus dem jetzt verschwundenen Ort Holzheim eine Anzahl Wiesen und Äcker in Altheim (Ur-Schömberg) und Holzheim, sowie seinen Wald in Lachen („Lahha“) dem Kloster Sankt Gallen in der Schweiz geschenkt. Das Dorf Holzheim („Holzaim“) lag in der Nähe des Sägewerkes Besenfelder und nördlich davon bei der Schlichem. Westlich vom Schömberger Stausee gibt es noch einen Wald Holzinger Berg. Die Schenkungsurkunde wurde übrigens in Schörzingen ausgestellt.

Eine weitere Siedlung auf dem Manngut (Hermannshefte) hat Dr. Hans Jänichen festgestellt. Dazu gehört der Schömberger Brand und aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Tannwiese, die im Withau lag und heute mit Wald aufgeforstet ist. Der Schömberger Brand wird in früheren Jahren auch als „Hermannshefte“ aufgeführt. Der Withau gehörte damals wohl auch ganz zu Holzheim. Nach der Stadtgründung von Schömberg (1250) sind wohl die meisten Bürger von Holzheim nach Schömberg übergesiedelt und nur wenige von Hermannshefte nach Weilen. Verschiedene alte Leute von hier, die in den Jahren 1840 bis 1870 geboren waren, haben oft erzählt, dass der Withau früher zum größten Teil zu Weilen gehört habe und dass die Schömberger den Withau den Weilenern weggenommen hätten. Wegen dieses Raubes sei es dann zu einem Prozess vor dem Landgrafen gekommen. Dieser habe eine Verhandlung an Ort und Stelle angeordnet, zu der die Ältesten von Weilen und Schömberg im Withau ihre Angaben machen mussten. Jede Partei erklärte, dass das betreffende Stück Wald im Withau ihr Eigentum wäre.

 

Ottilienkapelle - Radierung von August Blepp

Zuletzt brachte der Schultheiß von Schömberg 2 Zeugen die folgendes beschworen: „Wir sind zwei alte Männer und beschwören, der Boden, auf dem wir stehen, hat immer der Stadt Schömberg gehört, so wahr der Schöpfer über uns ist.“ Nun hatten aber die beiden Schlauberger in ihre Schuhe aus ihren Schömberger Gärten Boden getan und in ihre Hüte einen Schöpflöffel genäht, um nicht falsch zu schwören. Der strittige Waldteil wurde nun den Schömbergern ganz zugesprochen. Aber von den beiden Falschschwörern wurde der eine später vom Blitz getötet und der andere im Withau von einer Tanne erschlagen. Wenn auch solche alten Überlieferungen nicht immer ganz genau stimmen, so ist in ihrem Kern meistens etwas Wahrheit.

Die Siedlung im Lachen (Lah = Grenze) dürfte nach der Urkunde von 785 in den darauf folgenden Jahren entstanden sein. Zur Lachensiedlung gehörte außer dem heutigen Teil der Markung Weilen auch ein Teil in Ratshausen. Die Siedlung im Lachen dürfte im Hochmittelalter wieder eingegangen sein. Dass unsere Flur Lachen schon vor bald 1200 Jahren in einer Sankt-Galler Urkunde vorkommt, beweist – worauf Heinz Erich Walter hinweist – der Flurname Gallenwiesle unterhalb des Heidenschlößles. Hier wird das Kloster Sankt Gallen in der Schweiz jahrhundertelang Besitz gehabt haben.

Zum Lachen gehörte wohl die Siedlung Armweiler, und dieser Name dürfte für all diese verschwundenen Höfe gegolten haben. Noch heute gibt es die Gewandnamen Armweileresch und Armweiler. Der arme Weiler dürfte in Folge Armut eingegangen sein, und sei Gebiet wurde zwischen Ratshausen und Weilen aufgeteilt. Am Mittelbachgraben soll eine kleine Mühle gestanden haben. Eine Stelle dort heißt heute noch Wiehrle (Wuhr = Wasserdamm). Das Wasser wurde bei niederem Wasserstand gestaut, weil zum Mahlen des Getreides die laufende Wassermenge nicht ausreichte.

Ein Gebäude, das zu Lachen-Armweile zählte, steht heute noch; die Ottilienkapelle, früher Marienkapelle oder „Kapelle zu unserer Lieben Frau“ genannt. Siedlung und Kirchlein lagen günstig an der alten Straße, welche von Dotternhausen über den Palmbühl durch den Wald Honau an Kapelle und Siedlung vorbeiführte und über Eck und Heidenschlößle nach Deilingen ging. Die Kapelle selbst steht auf einem keltischen Grabhügel (siehe Seite 20). Nicht weit davon im Wald Honau liegt gleichfalls ein solcher Grabhügel, welcher einwandfrei zu erkennen ist. Über die Kapelle selbst werde ich in einem besonderen Abschnitt (siehe Seite 136) berichten.

1.6 Welche Bedeutung hatte das Heidenschlößle?

Wer den Weg am Wolfbühl benützt, um in die einsame Schlucht im Gallenwiesle und ins Tal zu gelangen, der gewahrt, ehe er in den Wald eingetreten ist, ein heute nicht mehr viel benütztes Fußweglein, welches bergauf der ehemaligen Ziegelhütte zu führt. Folgt man diesem Fußweg, der in seinem letzten Drittel ziemlich steil bergauf geht, so gelangt man oben auf einen vorgeschobenen Bergkegel. Auf diesem Hügel verläuft die Markungsgrenze zwischen Deilingen und Weilen. Es fällt einem sofort auf, dass hier der Bergkegel oder die Bergnase, die auf 3 Seiten steil abfällt, gegen die südlich gelegene Hochebene durch 2 breite Gräben getrennt ist. Bei diesen Vertiefungen handelt es sich um Halsgräben – um Überreste einer früheren Befestigung. Im Laufe der Jahrhunderte sind vielleicht größere Teile der Befestigungsanlagen abgerutscht. Diesen Platz nennt der Volksmund das Heidenschlößle, und die Wälder und Grundstücke in dieser Gegend heißen Im Burgstall, das bedeutet abgegangene Burg.

Das Heidenschlößle war seiner Anlage nach keine wichtige Festung. Der größte Durchmesser des hinteren Hofes betrug 18 m, des vorderen Hofes 7 m. Beide Höfe sind durch zwei künstliche Gräben abgeteilt, die heute zwischen 2 und 3 m breit sind. Von Mauern ist jetzt nichts mehr zu sehen. Von wem mag diese Burg erbaut worden sein?

 

Grundriss der kleinen mittelalterlichen Feste im Heidenschlößle-Wald: Die eigentliche Burg erhob sich im Hinterhof und war mit der Vorderburg durch eine Zugbrücke verbunden. Ein zweiter Graben trente den vorderen Hof vom Bergrücken.

Es ist schon vermutet worden, das Heidenschlößle sei von den Römern errichtet worden, weil an dieser Feste vorbei der alte Römerweg von Deilingen zur Ottilienkapelle und durch den Honauwald über den Palmbühl nach Dotternhausen führt (vgl. Seite 22). In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der damalige Waldschütz Anton Weinmann ein altes Schwert gefunden, das schon ganz verrostet war. Ein Lehrer der hiesigen Volksschule hat es ihm abgekauft. Zwischen 1895 und 1898 hat der Jäger Josef Weinmann (Balzenbub) unterhalb des Heidenschlößles ein Schloss mit Armzwingen und dem Stück einer Kette gefunden. Solche Armzwingen wurden früher benützt, um die Gefangenen in Eisen zu legen. Dieses Fundstück nebst einigen angeblich römischen Münzen hat der damalige Lehrer Andreas Hutt in seinen Besitz gebracht. Leider sind alle diese Funde verschollen und von Wissenschaftlern nicht untersucht worden. Deshalb ist höchst ungewiss, dass sich auf dem Heidenschlößle eine römische Befestigung befand. Für ein Kastell ist der 9 x 18 m große Platz zu klein, und Wachtürme waren anders angelegt.

Das Heidenschlößle ist eher im Frühmittelalter errichtet worden. Dr. Hans Jänichen meint, dass es sich um eine unbedeutende Ministerialenburg des Hochmittelalters handle. Die Urkunden jener Zeit nennen unsere Burg nicht. Das Heidenschlößle gehört sicher zu der Siedlung Lachen-Armweiler, von der als letzter Zeuge die Ottilienkapelle noch steht. Der Lachenwald wird – wie bereits erwähnt – urkundlich schon 785 genannt, und eine Flur unterhalb der Burg heißt heute noch Gallenwiesle. Deshalb ist anzunehmen, dass auf dem Heidenschlößle der Adel saß, der im Auftrag des Klosters Sankt Gallen dessen Besitz verwaltete. So war in Oberdigisheim der Ortsadel sanktgallischer Lehensträger. Welches Rittergeschlecht aber auf dem Heidenschlößle saß, wissen wir nicht.

Als nach 1200 der Ort Weilen gegründet wurde – wir kommen noch darauf zu sprechen - und die alte Rennenstrasse ihre Bedeutung verlor, wurde die kleine Burg aufgegeben. Ein Grund war wohl auch die Erbauung der Burg Oberhohenberg nach dem Jahre 1100. Der Abbruch des Heidenschlößles erfolgte so gründlich, daß man auf der Oberfläche keinen einzigen Mauerstein mehr findet. Eine wissenschaftliche Grabung könnte mehr Klarheit bringen.

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